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Sich selber loslassen ist schwer

Loslassen und Abschied nehmen ist ein sehr persönliches Thema, und es gehört zum Leben: Wir müssen unsere Kinder loslassen, wir müssen auf dem Lebensweg Freunde und Freundinnen loslassen, oft eine Lebenspartnerin oder einen Lebenspartner. Wenn der Tod bevorsteht, gilt es aber, sich selber loszulassen.

Zu diesem Thema gibt es in der Literatur übers Sterben nur wenige Reflexionen. Die deutsche Therapeutin Anne-Marie Tausch hat sich bereits Ende der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts mit der Situation sterbender Krebskranker beschäftigt, und ihre Forschungsarbeit darüber ist bis heute aktuell geblieben. Ihr Buch «Gespräche gegen die Angst» erschien erstmals 1981 und gehört zu den Longsellern im deutschen Sprachraum; es ist bis heute erhältlich. Anne-Marie Tausch hat für dieses Buch über längere Zeit Einzel- oder Gruppengespräche mit Krebskranken geführt. Kurz nach Erscheinen des Buches erkrankte sie selber an Krebs und starb im Jahre 1983.

«Sterben, eine Zeit der Selbstentwicklung» heisst das Kapitel, aus dem der nachfolgende Text über «Loslassen und Abschied nehmen» stammt:    

«Den meisten Sterbenden fällt es schwer, aufzugeben, sich selbst loszulassen. Sie sind in ihrem Leben zuviel Kämpfer gewesen, um dem Tod gelassen entgegenleben zu können. Andere dagegen haben Vertrauen zum Leben und auch zu ihrem Tod. Sie sind nicht damit beschäftigt zu sterben, sondern warten ab, lassen die Ereignisse auf sich zukommen, lernen, entwickeln sich dabei weiter. ‹Es wird zunehmend leichter. Manchmal ist es noch sehr schmerzlich, aber ich lerne, Abstriche zu machen, Abschied zu nehmen von kleinen Dingen, von Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen.›

Den Körper loslassen, den Schmerz auch
Hella, zwei Wochen vor ihrem Tod: ‹Ich hatte mir vorher schon gewünscht, dass ich das Sterben nach Möglichkeit ganz bewusst erlebe, mit ganz klaren Sinnen. Ich habe aber inzwischen auch eingesehen, dass das vielleicht nicht geht. Und dann wäre natürlich das zweitbeste, dass ich einfach so einschlafe und nicht wieder aufwache. Auch von diesen allerletzten Wünschen lass ich einen nach dem anderen fallen. Und ich denke, es wird sich schon fügen.›

Auch von seinem Körper lernt mancher Sterbende, sich mehr und mehr zu lösen. Er klammert sich nicht an ihn, sondern lässt ihn gleichsam zurück – und damit auch den Schmerz: ‹Ich lasse den Schmerz zu, selbst wenn ich meine, es geht über die Grenze hinaus, dass ich mich sozusagen auflöse. Wenn ich den Schmerz zulasse und sage: So, nun immer tiefer hinein, dann ist es der Schmerz, der sich auflöst.›

Intensiveres Leben im Sterben
Das Loslassen des Körpers, das Aufgeben von Fragen und quälenden Gedanken, der Verzicht auf das Sorgen für andere und um andere – all diese Vorgänge wirken sich entspannend auf den Sterbenden aus. Er fühlt sich frei, seinen Weg zu gehen: ‹Und dann merkte ich plötzlich: Ich muss nicht mehr bleiben! Dies ist ein befreiendes Gefühl.›

 Alles loszulassen kann auch heissen, viel zu bekommen. Das Sterben kann dem Menschen eine Erweiterung seiner Erlebnis- und Gefühlswelt ermöglichen. Er kann zu innerem Frieden und – so paradox es klingt – zu intensiverem Leben finden. Eine Ärztin: ‹Zwei Tage, bevor es zu Ende geht, findet in diesen Menschen etwas statt, das wir uns gar nicht vorstellen können – als ob die Seele vernimmt, dass der Körper sie verlässt. Ich empfinde: Es ist so eine gefasste Ruhe in ihnen.›»

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Das Buch

Anne-Marie Tausch: Gespräche gegen die Angst. Krankheit – ein Weg zum Leben. Rowohlt-Taschenbuch. ISBN 978-3-688-10197-9.

 

Forum für Sterbekultur | 17.10.17