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Leben mit Schmerzen

Der Schmerz als Wandler – ein Erfahrungsbericht

Leid und Schmerzen sind mit dem Tod eng verbunden. Trauer umfängt uns, wenn wir einen Menschen verlieren. Zuweilen kann es lange andauern, bis ein Schmerz so durchlitten ist, dass sich Früchte daraus zeigen. Der nachfolgende Bericht zeugt von einem individuellen Weg nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen. Christine Link beschreibt, welche tiefen Erfahrungsebenen sie durch den Schmerz nach den Tod ihrer Tochter erlebt hat und dass sie auf diesem Weg auch Hilfen fand.

Von Christine Link

Die Auseinandersetzung mit dem Schmerz begann für mich mit dem Tod meiner Tochter im Sommer 2015. Anfangs wollte ich es einfach nicht wahrhaben. Meine Gedanken gingen immer wieder in die Zeit vor dem Geschehenen und ich stellte mir unentwegt die Frage, was ich hätte anders machen können. Mein einziger Halt war mein Umfeld, aber auch bewusst die Aufgaben des Alltags zu erledigen. Das heisst, mein Tun mit ganzer Aufmerksamkeit und Präsenz zu erfüllen. Auf körperlicher Ebene empfand ich überraschenderweise stark das Gefühl der Auflösung.  

Es gab Tage, an denen mich der Trauerschmerz vollkommen in das Erleiden zwang und es nur auszuhalten war, indem ich diese 'Wellen' annahm. Rückblickend fühlte ich mich an einen Geburtsverlauf mit den damit einhergehenden Wehen erinnert. Das Annehmen öffnete den Weg. Schlafmitteln oder Psychopharmaka kamen für mich nicht in Frage, da ich diesen Prozess bewusst gehen wollte.

«Der Schmerz ist ein heiliger Engel»
«Der Schmerz ist ein heiliger Engel, und durch ihn sind Menschen grösser geworden, als durch alle Freuden der Welt.» Bei all den Ansprüchen und Erwartungen, die heute an das Leben gestellt werden, ist dieser Satz von Adalbert Stifter für viele eine regelrechte Provokation. Wie könnte es angehen, sich ihm zu nähern, ganz gleich, um welche Art des Schmerzes es sich handelt? Wie ging es mir damit?

In dem Moment, in dem ich erkannte, dass meine Tochter nicht wiederkommt, der Verlust ganz klar vor mir stand, war der Schmerz da. Kurzzeitig war er vielleicht verdrängbar, aber eben nur kurzzeitig. Er bohrte, er ließ mich schreien und weinen, er ließ mich schwach werden und verzweifeln. Ich fand mich in einem leeren, namenlosen Raum wieder, ohne jeden Halt. In ihm war Stille und Dunkelheit – eine Art Nullpunkt. Ich konnte nicht anders, als diesen Zustand auszuhalten. Und irgendwann entstand in diesem Raum eine Frage, nur zwei Worte: und jetzt? Diese kleine Frage, die mir da aus der Zukunft, aus meinem Leben entgegenkam, sie liess mich wieder aufwachen. Und sie ist es auch, die jedes Mal am Ende einer solchen Schmerzphase steht. Aber sie will erarbeitet werden. Sie lässt mich meinen Lebensweg weitergehen. Keine dieser Phasen ist gleich, so wie auch ich nicht mehr die Gleiche bin. Hier tritt für mich die Frage des Sinnes in Erscheinung. Im Annehmen und Durcharbeiten des Schmerzes wird aus mir eine Andere. Gefühle wie Freude, Leid, Liebe erfahren mehr Tiefe. Und ich wage auch zu sagen: Ich werde stärker.

Der Schmerz als Begleiter
Eine weitere, erstaunliche Erfahrung ist die, dass ich mit meiner Tochter in Kontakt bin. Es ist das leise Gefühl, dass sie immer wieder bei mir ist, wenn ich für sie lese oder bete, an sie denke oder mein kleines Ritual für sie gestalte. 

Mein Weg mit diesem Verlustschmerz dauert nun seit einem Dreivierteljahr an. Er hat sich dabei verändert – manchmal ist er scharf wie am Anfang, manchmal inzwischen auch milde. Ich betrachte ihn als Begleiter, der mir hilft, mich als Mensch zu entwickeln –, und mich dazu aufruft, meine Biographie zu durchdringen und zu gestalten.

Eine echte Stütze war die Beschäftigung mit Literatur, welche die Themen Tod, Trauer und Schmerz behandelt. Hierzu insbesondere das Büchlein von Iris Paxino, einer erfahrenen Schmerztherapeutin: «Leben mit dem Schmerz». Sachlich und einfühlsam leitet sie durch das Thema und beschreibt Geschichtliches, wie Schmerz sich ausdrückt, wie verschieden damit umgegangen wurde und wird, zugleich entwickelt sie auch eine Phänomenologie des Schmerzes aus anthroposophischer Sicht.

Leben mit dem Schmerz

Weiterer Text zum Thema Schmerz

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Christine Link, Heilpraktikerin, Psychotherapie in eigener Praxis. Schwerpunkt Biographie-Arbeit. Mutter von vier Kindern.
www.christine-link-biographiearbeit.de

Literatur zum Thema

Iris Paxino, Leben mit dem Schmerz, Verlag Freies Geistesleben, 1. Auflage 2009.  ISBN 978-3-7725-1438-8

 

Forum für Sterbekultur | 28.08.17