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Geistes Trost

Trauer kann gleich einer Naturgewalt über einen herziehen. Elend und hilflos fühlt sich dann die Seele. Wie aber kann ich Trost finden? Trost, der trägt? Cordelia Böttcher schreibt, die Seele findet in sich Bilder. Wahrbilder, die eine tragende Kraft spenden und Trauernde zur Wirklichkeit der verstorbenen Seele hinweisen. So kann ins Dunkel ein Lichtstrahl dringen.

Von Cordelia Böttcher

Vor meinem Fenster steht ein Kirschbaum. Er ist seit einigen Tagen voll erblüht. Das schneeige Weiss leuchtet vor dem blauen Himmel. Ich möchte in diesem Anblick verweilen, ihn festhalten in seiner Vollkommenheit. Aber ich weiss ja, dass das nicht geht, die Wolken kommen wieder, der Wind fährt in den Baum, und bald schon wird er die ersten Blütenblätter durch die Luft wehen, und sie werden zur Erde fallen. Unvermittelt zieht Wehmut durch die Seele, ja Trauer … 

Dieses Bild kam mir in den Sinn beim Abschied von einem lieben Menschen. Wir haben miteinander gelebt, uns aneinander gefreut, sind durch Krisen aneinandergewachsen. Und dabei haben wir uns leibhaftig gesehen und berührt. Nun ist das durch den Tod beendet. Die Trauer ist unendlich. Was sind dagegen die Blütenblätter eines Kirschbaums? 

Und doch: Dieses Bild klärt auch über das tiefere Geheimnis des Todes auf. Es hilft, mit der Trauer zu leben. 

Der Kirschbaum wird zwischen den grünen Blättern noch eine Weile die vergilbten letzten Blütenblätter haben und recht unansehnlich aussehen. Dann wird er als schöner, lebensfroher Baum dastehen, und dann wird die Zeit kommen, in der er die Fülle der roten Kirschen trägt. Die Freude, diese zu sehen, ist gesättigt mit Dankbarkeit.

Eine neue Dimension der Gemeinsamkeit
Es liegt ein entscheidender, tiefgreifender Unterschied darin, wie ich den lieben Verstorbenen – und auch mich selber – im Erdenleben gesehen habe, wie ich über uns als Menschen gedacht habe. Denke ich nicht weiter nach: Wir sind eben einfach da, haben uns aus dem winzigen Keim entwickelt und werden mit dem Leib wieder verschwinden. Es gibt den Menschen vor der Geburt nicht und wird ihn nach dem Tode nicht mehr geben. Wir leben nur in unseren Kindern weiter, den leiblichen oder auch geistigen. – Oder, kann ich es anders denken? 

Was ich am anderen geliebt habe, war nicht nur sein äusserer Anblick, es war die Art, wie er mich anschaute, wie er sprach und lachte, mich in den Arm nahm, Pläne machte, verzeihen konnte – also die ganze Fülle seiner Seele. Die Wirklichkeit des Wesens Seele zu empfinden und zu denken ist entscheidend, die Unverwechselbarkeit einer Persönlichkeit, die Ich zu sich sagt, zu erleben. Konnte ich im Leben so vom Menschen denken, ihn erleben, werde ich das Verlassen des Leibes im Tode, das Unsichtbarwerden des Menschen im Irdischen, ganz anders erfahren. Die Trauer über den irdischen Verlust wird es zunächst nicht verhindern. In der Trauer aber wird die seelisch-geistige Anwesenheit immer deutlicher zu spüren sein. Die Vertrautheit mit dieser neuen Art des inneren Gesprächs wird wachsen, die Anwesenheit des Verstorbenen immer intensiver werden. Das ist der Trost, der trägt. Die Dankbarkeit für das gemeinsame Leben hier und die neue Dimension der Gemeinsamkeit reifen wie die Früchte im Baum.

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Cordelia Böttcher, Pfarrerin der Christengemeinschaft im Ruhestand, von 1964 bis 2004 als Priesterin in Bremen, Frankfurt am Main und Heidelberg tätig. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher. 2016 ist sie verstorben.

 

Forum für Sterbekultur | 03.10.17