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Musik baut Brücken

Musik ist eine wertvolle Hilfe bei der Sterbebegleitung. Mit Klängen sind Menschen oft noch in den letzten Tagen ihres Lebens erreichbar, auch wenn sie nicht mehr sprechen und sich kaum noch ausdrücken können.

Von Regula Utzinger

Musik baut Brücken zwischen Innen und Aussen, Diesseits und Jenseits, zwischen Ich und Du. Sie ist physisch nicht fassbar und wird so zur Mittlerin zwischen der irdischen und der geistigen Welt. Sie eignet sich deshalb ganz besonders für den Schwellenübergang des Sterbens.

Musik folgt geistigen Gesetzen und weckt in jedem Menschen – auf freilassende Weise – individuelle Erlebnisse. Der Mensch kann sich dadurch als Teil eines grossen Ganzen erfahren und wird in seinem persönlichen Wert-Erleben bestärkt. Diese innere Erfahrung wird immer wichtiger, je mehr die äusseren körperlichen Möglichkeiten schwinden.

In der Praxis wird Musiktherapie individuell eingesetzt und auf den Zustand eines Menschen abgestimmt. Die Begleitung kann von einem Tag bis zu einigen Monaten dauern, die Häufigkeit variiert zwischen täglicher Betreuung und grösseren Abständen. Es gibt Phasen, wo kräftige Klänge wichtig sind – etwa wenn es ums Akzeptieren des Sterbens geht. Während des Lösungsprozesses sind Instrumente von Vorteil, die gleichsam den Ton aus der Materie befreien – zum Beispiel Klangstäbe, Glocken, gezupfte Saiteninstrumente mit einem hellen, leichten Klang. Die Singstimme ist das intimste "Instrument" und spricht das Menschsein im Speziellen an. Wichtig ist in allen Fällen, immer wieder dem Nachklang Raum zu geben.

Die Wirkungen der Musik sind oft an einer Veränderung der Atmung wahrnehmbar. Manchmal erlebe ich ein Aufwachen zu einem klaren Bewusstsein oder einen Wechsel zu ruhigem Schlaf. Nicht selten löst die Musik Tränen aus.

Seelisch wird die Musik meistens als wohltuend, wärmend und beruhigend erlebt. Oft wirkt sie lösend (seelisch und körperlich), schmerzlindernd und versöhnend. Sind Angehörige oder Freunde dabei, so löst sich meistens für einen Moment die Anspannung der Sorgen und Fragen in Tränen oder in einen Seufzer auf, wenn sie die Veränderungen miterleben, aber auch selber einen Moment einfach passiv werden können.

Zwei Beispiele
Ich gehe zu einer schwerkranken Patientin, die ich noch nicht kenne. Sie reagiert nicht auf meine Begrüssung, hat aber die Augen offen, der Blick geht ins Leere. Ihre Atmung ist unruhig und wirkt angestrengt. Ich versuche, mit wenigen langsamen Tönen zu erkunden, wie sie reagiert, gehe dann zu etwas dichteren Klängen über und löse diese durch ein pentatonisches Lied, es war ein Michaelslied, ab. Zuerst spiele ich es nur instrumental, nehme dann die Stimme dazu und zuletzt noch die Worte. Plötzlich merke ich, dass vom Bett her zwei blaue Augen versuchen, noch einmal in die Gegenwart zu schauen, den Menschen und den Ort zu erfassen, wo es herklingt. Ich halte dem Blick stand, lächle zurück, um die Frau zu bestärken. Dann verschwindet der Blick langsam. Kannte sie das Lied? Hat es sie geweckt? War es der Text? Das Wort Michael? Es ist drei Tage vor Michaeli. Die Frau stirbt in der folgenden Nacht. Den "blauen Augenblick" werde ich nie vergessen.

Ein anderer Patient war schon länger in der Klinik, wurde mit Heileurythmie und anderen Therapien begleitet, bevor ein Wechsel zur Musiktherapie stattfand. Er war bettlägerig, aber überzeugt, dass er bald wieder nach Hause gehen könne. Er wirkte äusserst angespannt, alles kontrollierend, die Augen blieben immer offen. Ich versuchte, mit einer pentatonisch gestimmten Kantele den Raum um ihn herum zu beleben, die Starre etwas zu brechen. Sehr bald wollten Tränen kommen, die er aber gleich hinunterschluckte. Er sagte dann, wie schön das sei, und wollte gleich die Adresse wissen, wo man ein solches Instrument kaufen und lernen könne. Nach einer Woche waren ein Hörraum und ein Vertrauen entstanden, die ihm erlaubten, die Augen zu schliessen und nur zu geniessen. In dieser entspannten Stimmung konnte er loslassen.

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Regula Utzinger ist Musiktherapeutin in der Klinik Arlesheim

 

Forum für Sterbekultur | 07.04.16