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Überlegungen aus anthroposophischer Perspektive

Aus geisteswissenschaftlicher Perspektive ist klar weder eine Position pro noch eine kontra Organspende zu formulieren. Der anthroposophische Arzt Matthias Girke plädiert vor allem für eine individuelle Entscheidungsfindung «ohne moralisierenden Druck». 

2014 gab Der Merkurstab, Zeitschrift für Anthroposophische Medizin, einen lesenswerten und breit gefächerten Themenschwerpunkt «Hirntod und Organtransplantation» heraus. Matthias Girke, Facharzt für Innere Medizin, Palliativmedizin und Diabetologie und Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum, schreibt in seinem zentralen Beitrag provokativ: «Wie tot ist der hirntote Spender?». Er betrachtet darin das Hirntodkonzept und die Spenderperspektive aus geisteswissenschaftlicher Perspektive.

Er kommt zum Schluss, dass Menschen, die als hirntot gelten, nach wie vor geistige und seelische Wesen seien, von einem rein vegetativen Status könne keine Rede sein. Als Argument führt er einerseits das eindrückliche und bereits erwähnte Nahtoderlebnis von Eben Alexander an. Dieser beschrieb, dass es ein Bewusstsein unabhängig von der Hirnfunktion gibt. Alexander litt an einer seltenen Hirnhautentzündung, fiel ins Koma – die Ärzte gingen davon aus, dass sein Hirn irreparabel geschädigt ist und er bald darauf sterben wird. «In kürzester Zeit gesundete er jedoch. Er konnte nun minutiös die Nahtoderfahrungen des Aufgegebenen schildern und beschreiben, was er innerlich im Koma erlebt hatte.»[i]

Wann und wo löst sich das geistige Wesen?
Rudolf Steiner sagte, beim eigentlichen Sterben lösten sich das geistige, seelische und lebendige Wesen des Menschen «im Bereich des Herzens, ein Vorgang, der in der geisteswissenschaftlichen Anschauung mit einer Art Aufleuchten einhergeht»[ii]. In verschiedenen Beschreibungen von Nahtod-Erfahrung kommt dieses Aufleuchten im Sterbeprozess ebenfalls vor. Beim hirntoten Patienten schlägt das Herz noch, künstlich erhalten oder wiederhergestellt. Deshalb habe sich der Lösungsprozess der Wesensglieder bei ihnen noch nicht ereignet, so Girke.

Um diese These noch weiter zu untermauern führt Girke ebenfalls die Lebenserscheinungen bei Hirntoten an. Heilungsprozesse wiesen zum Beispiel darauf hin, dass Seele und Geist noch immer mit dem Leib verbunden seien.

Bleibt etwas vom Spender mit seinem Organ oder Gewebe verbunden? Ja, sagt Girke, die transplantierten Organe und Gewebe würden in ihrer intrazellulären Flüssigkeit immer noch Lebensprozesses des Spenders in sich tragen. Diese würden aber mit der Zeit von der Lebensorganisation des Empfängers aufgenommen.

Matthias Girke kommt zum Schluss, seine zusammengetragenen Gesichtspunkte würden nun weder für noch gegen eine Organspende sprechen. Die individuelle Entscheidungsfindung sei einfach enorm wichtig. «In dieser Situation darf es keine normative Ethik geben, die moralisierenden Druck auf potenzielle Spenderinnen und Spender ausübt.»[iii] Vielmehr müssten die Betroffenen über möglichst gute Informationen bezüglich Hirntod, Organentnahme, -verteilung, ethischer und spirituelle Perspektiven verfügen.

 


[i] Schopper, Christian, S. 29.

[ii] Girke, Matthias, S. 338.

[iii] Ebenda, S. 344.

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Anthroposophische Publikationen

Der Merkurstab. Zeitschrift für Anthroposophische Medizin. 2014, Heft 5,
Themenheft: Hirntod und Organtransplantation

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Bavastro, Paolo | Kollert, Günter (Hg.)
Organtransfer
Ethische und spirituelle Fragen zu Organtransplantation und Hirntod
ISBN: 978-3-7235-1517-4

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Forum für Sterbekultur | 07.06.18